Via Columbani – ein Reisebericht von Christian Leutenegger

Christian Leutenegger, Pfarreibeauftragter der kath. Pfarrei Wittenbach, berichtet in der Zeitschrift «amPuls» über seine Erfahrungen auf dem Kolumbansweg durch die Schweiz – ein Teil seines Weiterbildungsurlaubs. Mit seiner Erlaubnis übernehmen wir den grössten Teil seines dortigen Berichts, wie er in drei Folgen erschienen ist. Wir danken ihm herzlich für seine Aufzeichnungen und seine Gedanken unterwegs.
Diesen Text schreibe ich an meinem neunten Tag meiner Pilgerwanderung auf dem Kolumbansweg. Es ist ein Pausentag, bevor es auf die weiteren Etappen geht. Ich erwandere den Schweizer Abschnitt dieses rund 7600 Kilometer langen Weges, der in Nordirland, in Bangor, beginnt und in Bobbio (Italien, Provinz Piacenza) endet.
Der Weg folgt den verschiedenen Stationen der 13 irischen Mönche, geht manchmal kreuz und quer. Anders also als der Jakobsweg, der mit Santiago di Compostela ein klares Ziel vor Augen hat und dieses ziemlich direkt ansteuert. Mit zwölf Gefährten ist Kolumban circa 591 in Nordirland aufgebrochen, darunter auch mit Gallus. In Bregenz beziehungsweise Arbon bleibt Gallus dann zurück und findet 612 im Steinachtobel seinen neuen und definitiven Bleibeort, das heutige St. Gallen. Kolumban zieht mit seinen Mönchen weiter über die Alpen bis Bobbio, wo er ein letztes Kloster gründet und dann 615 verstirbt.
Der Schweizer Abschnitt des Weges
Der Weg von Basel bis Castasegna/Chiavenna führt zuerst den grossen Flüssen Rhein, Aare und Limmat entlang; Basel – Rheinfelden – Koblenz – Baden – Zürich – Tuggen. Dann geht es Richtung Bodensee über Ricken – Wasserfluh – Magdenau – St. Gallen nach Arbon und Bregenz. Schliesslich durchs Rheintal nach Chur, über die Lenzerheide und den Septimerpass (mit 2300 m der höchste Punkt des gesamten Weges) auf die Alpensüdseite, ins Bergell. Der Schweizer Teil (mit ein paar Kilometern durch Vorarlberg) ist rund 490 Kilometer lang und die theoretische Wanderzeit wird mit etwa 130 Stunden angegeben.
«Sich fremd gehen» *
Pilgersprüche und -weisheiten gibt es viele; aber dieser hier hat es mir besonders angetan. Die vielleicht irritierende, sperrige und sich nicht gleich erschliessende Formulierung regt jedenfalls zum Nachdenken an. Wer pilgert, verlässt das Vertraute, ist offen dafür, sich befremden und verfremden zu lassen. Wer pilgert, geht sich fremd, um anders anzukommen, um neu zu werden. Sich fremd gehen – und zu sich selbst kommen. Unsere eigene Identität entsteht ja nicht aus sich selbst heraus, sondern im Kontakt und in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber, in der Begegnung mit dem Anderen, das uns nicht nur eine Selbstbestätigung rückmeldet, sondern uns irritiert und befremdet und so aus gewohnten Mustern ausbrechen lässt. Das Fremde, das Ungewohnte, das Herausfordernde ist es, was unsere Identität formt, klarer hervortreten lässt und stärkt.
Pilgern als ein vorübergehendes Verlassen der Heimat, das Gehen auf einem langen Weg in die Fremde, ins Ungewisse und doch auf ein Ziel hin. Vor allem, wenn man alleine geht, kommt man auf den stundenlangen Wegstrecken und im Rhythmus der vielen tausend Schritte immer näher zu sich, reflektiert und meditiert sein eigenes Leben. Unterwegs und exponiert in der Fremde erlebt man vieles anders und wird sich ein Stück weit selbst fremd, lernt von sich fremde Seiten kennen. Gedanklich-emotional ist man im Kontakt mit den vielen Menschen, die den Weg schon vorher gegangen sind. Und auf dem Kolumbansweg ist man natürlich sehr verbunden mit dem heiligen Kolumban, mit Gallus und den weiteren elf Gefährten, die vor mehr als 1400 Jahren diesen Weg gegangen sind.
Der fremde Kolumban
Speziell Kolumban ist mit seiner Spiritualität, seiner grossen (asketischen) Strenge und seiner frühmittelalterlichen Theologie für uns moderne Menschen eine sehr sperrige Figur. Aber wie bereits geschrieben, nicht die Selbstbestätigung, sondern die Differenz, das Sperrige, das Befremdende ist es, was uns in der Auseinandersetzung damit weiterbringt. Sich fremd gehen – so kann man mehr werden, als man allein aus sich heraus ist.
Wieder zurück
Der Kolumbansweg hat mich von Basel über Zürich, Toggenburg, St.Gallen, Wittenbach, Bregenz, Chur bis nach Chiavenna geführt. Und, Sie haben richtig gelesen, auch in Wittenbach kam ich vorbei. Auf dem Abschnitt von St. Gallen nach Arbon bin ich auch durch unsere Pfarrei gewandert. Weil der Weg durchs Galgentobel aktuell gesperrt ist, wich ich über Kronbühl und Wittenbach aus und konnte so auch kurz Station machen am Gallus-Stuhl, dem steinernen Kunstwerk an der Arbonerstrasse (gegenüber Lidl). Bis zum Bodensee war ja der heilige Gallus noch mit Kolumban unterwegs, danach blieb er dann in der Region und zog nicht mit über die Alpen nach Italien.
Die letzten Tage meines Weiterbildungsurlaubs nutzte ich noch für zwei Reisen: Zuerst nach Luxeuil-les-Bains in den Vogesen, wo Kolumban von 590 – 610 volle 20 Jahre wirkte, bevor er mit seinen Gefährten vom König Thierry von Burgund vertrieben wurde und weiterzog. Und dann nach Bobbio im Trebbiatal, südlich von Piacenza. Dort hat Kolumban ein letztes Kloster gegründet und in Bobbio ist er am 23. November 615 auch gestorben. In der Krypta der Kolumansbasilika konnte ich sein Grab besuchen.
Christian Leutenegger
*Sich fremd gehen ist eine Formulierung des evangelischen Pfarrers Detlef Lienau. So definiert er unter anderem das Pilgern. Sein Pilgerbuch, das er geschrieben hat, trägt auch diesen Titel: Sich fremd gehen. Warum Menschen pilgern. Detlef Lienau. 2009, Mathias-Grünewald-Verlag.





