Das Geheimnis von Luxeuil-les-Bains

Heiliger Kolumban - Luxeuil-les-Bains, eingeweiht 1950 (Foto: Bruno Fluder)
Das Geheimnis von Luxeuil-les-Bains
Prolog – wie es zum Geheimnis von Luxeuil kam
Wir blicken zurück: nach Kriegsende 1945 waren in Europa die Wunden des zweiten Weltkriegs noch nicht verheilt. Trotzdem hatte der französische Aussenminister Robert Schuman einen Plan, wie die ehemaligen Gegner zu einem gemeinsamen Handeln gebracht werden sollten: über eine wirtschaftliche Zusammenarbeit. Aber einfach alle Beteiligten zusammenzurufen war zu dieser Zeit noch kaum möglich, weshalb Schuman zu einer List griff. Und da kommt Kolumban ins Spiel.
Im Juli 1950 sollte in Luxeuil-les-Bains ein internationaler Kongress zum 1400. Geburtstag des hl. Kolumban organisiert werden. Dazu sollten sich dort die Staats- und Regierungschefs von acht Nationen (Frankreich, Grossbritannien, Italien, Irland, Österreich, Luxemburg, Schweiz, Vatikan) treffen. Die Geburtstagsfeier war wegen des Krieges von 1940 auf 1950 verschoben worden. Robert Schuman beauftragte Marguerite-Marie Dubois, Verantwortliche für das Organisieren von Kongressen an der Sorbonne und ab 1941 erste Professorin für englische Philologie an eben dieser Universität, einen Anlass zu organisieren, der für Europa fundamentale Bedeutung erhalten sollte. Mme Dubois hat in einem Interview 2009 als einzige Überlebende jenes Kongresses das Geheimnis gelüftet.
Ziel des Kongresses war: Der religiöse Anlass sollte verdecken, dass dahinter über ein europäisches Projekt diskutiert wurde. Robert Schuman wollte unter einem Vorwand mehrere ausländische Staatschefs zusammenbringen und ohne Zeugen mit den Spitzenpolitikern über seine grosse Idee sprechen: die Schaffung Europas. Der Anlass musste unter striktester Geheimhaltung durchgeführt werden, was erstaunlicherweise gelang. Das Geheimnis von Luxeuil hat über 50 Jahre gehalten!
Der Grund für die verdeckte Veranstaltung: Schumann hatte in der Nationalversammlung vor kurzem eine Niederlage eingesteckt und musste nach nur fünf Tagen im Amt den Vorsitz des Rates niederlegen. Bevor er deshalb seine noch fragilen proeuropäischen Vorstellungen öffentlich darlegte, wollte er sie erst einmal testen, Verbündete gewinnen und Allianzen festigen. Solche verdeckten Veranstaltungen waren übrigens in der Politik recht häufig.
Mme Dubois hatte die Idee mit der 1400-Jahr-Feier für Kolumban, denn Kolumban ist eine durch und durch europäische Persönlichkeit (anfangs 7. Jahrhundert Gründung von Klöstern in Luxeuil, Bregenz und Bobbio; in einem Brief 603 an Papst Gregor den Grossen verwendete er zum ersten Mal in der Geschichte den Begriff eines «geeinten Europas»). Ein multinationaler Kongress über das Leben und Werk eines internationalen Evangelisators würde es ermöglichen, Gelehrte sowie Kirchen- und Staatsmänner aller Nationalitäten zusammenzubringen.
Zusammenfassung des Interviews mit Mme Dubois
Mme Dubois hatte 42 Prälaten aus acht Nationen eingeladen und fast alle kamen, darunter 20 Erzbischöfe oder Bischöfe, zwölf Äbte und drei Generaloberinnen von Frauenklöstern, vier von diesen Kirchenmännern wurden später Kardinäle und einer von ihnen, Angelo Roncalli, Apostolischer Nuntius in Paris, wurde gar Papst – Johannes XXIII. Einer dieser Bischöfe war der Bischof von St. Gallen, Joseph Meile. Alle waren gekommen, um den 1400. Geburtstag des heiligen Kolumban zu feiern
Die Aufzählung dieser vielen hohen kirchlichen Würdenträger deutet daraufhin, dass Kolumban als ausreichend wichtig betrachtet wurde für ein kirchliches Treffen auf diesem Niveau – das war die Absicht von Mme Dubois, denn dahinter verbarg sich das politische Treffen.
Aus dem politischen Bereich gab es hohe Vertreter aus den Ländern, die Kolumban auch heute noch feiern, nämlich Nordirland, Republik Irland, Frankreich, Österreich, Italien und Schweiz. Ja, auch ein Vertreter der amerikanischen Botschaft nahm teil, was darauf hindeutete, dass es sich nicht nur um eine kirchliche Feier handelte. Aber niemand nahm Notiz davon. Gerade die Amerikaner unterstützten das Projekt von Schumann voll und ganz. Der Delegierte des Botschafters sagte denn auch in seiner Ansprache zur Einweihung der Statue des hl. Kolumban: «Für uns Amerikaner ist der hl. Kolumban der erste Mensch, der die Sicherheit seines Landes aufgegeben hat, um eine neue Gesellschaft aufzubauen und die christliche Ordnung dort wiederherzustellen, wo Unordnung herrschte. Wir alle streben nach Einheit, wir alle wollen Europa schaffen, ein Europa, das eine echte westliche Gemeinschaft ist. Die USA gehören zu dieser Gemeinschaft, denn wir Amerikaner sind alle Europäer. … Nur wenn wir zum Ideal des hl. Kolumban zurückkehren, können wir eine Gesellschaft aufbauen, in der sich der Mensch frei entfalten kann.»
In den vielen Ansprachen nahmen auch die andern Vertreter Bezug auf Kolumban und sein Wirken zugunsten von Europa – damit den Weg öffnend für das zu schaffende neue Gebilde, in dem Kolumban eben eine zentrale Stellung einnahm. Auch der Papst, Pius XII, übermittelte einen besonderen apostolischen Segen.
Schliesslich betonte Schumann in seiner Abschlussrede: «Wir stellen die Errungenschaften der Wissenschaft nicht in Frage, aber wir bekräftigen, dass das Wichtigste in der modernen Welt die Nächstenliebe ist. Unsere seelenlose Welt ist zum Selbstmord und zur Vernichtung verdammt, wenn sie nicht zu ihren Wurzeln zurückkehrt und sich wieder in ihrem Ideal erneuert. Frankreich muss ein spirituelles Zentrum und ein Zentrum der kulturellen Expansion bleiben. Es will seinen Teil zum Kreuzzug beitragen, der die Versöhnung der Völker verwirklichen soll, deshalb befürwortet es supranationale Institutionen und setzt sich unermüdlich für die Wahrung des Friedens ein …»
Die Erwähnung der «supranationalen Institutionen» und der «Hohen Behörde» waren klare Anspielungen, aber sie wurden nicht verstanden, denn wahrscheinlich aufgrund des stark religiösen Rahmens wurde nur der christliche Aspekt wahrgenommen.
So wurde die politische Offenbarung verschleiert: vor der Ratifizierung der offiziellen Verträge wurde unter dem Mantel des hl. Kolumban die grund-legende Vereinbarung von acht Nationen zur Gründung Europas getroffen, und darin liegt das «Geheimnis von Luxeuil».
Zusammengefasst und übersetzt von Wolfgang Sieber

