Auf dem Weg von Flawil nach Bangor

Auf dem Weg von Flawil nach Bangor
Mein Name ist Urs Huber. Ich möchte im Folgenden ein paar Eindrücke meiner Wanderung von Flawil im St. Gallerland nach Bangor in Nordirland übermitteln.
Es ist Montag, 15. Juni 2026. Heute ist es so weit: ich mache meinen ersten Schritt zu einer langen Wanderung. 2500 km liegen vor mir. Ich gehe davon aus, dass ich mein Ziel – Bangor – in ca. 15 Wochen erreichen werde. Ich bin sehr gespannt und auch ein wenig nervös, denn es ist ein Abenteuer, das auf mich wartet. Im Gegensatz zum Jakobsweg ist der Kolumbansweg noch nicht so bekannt und ich sehe voraus, dass einiges an Unerwartetem vor mir liegt!
Ich habe mich gut vorbereitet, habe die Strecke auf der Homepage von www.kolumbansweg.ch für die Schweiz und die weitere auf www.viacolumbani.com studiert, mich mit meinen Schuhen eingelaufen und meinen Rucksack auf das Minimum, 13 kg reduziert. Aus meiner Erfahrung vom Jakobsweg, den ich 2016 von Flawil nach Finisterre und Muxia zurückgelegt hatte, habe ich eine gute Vorstellung von dem, was mich erwartet.
Es ist ein wunderschöner Morgen und ich lege los. Zuerst noch in vertrautem Gelände geht es zügig voran. Ich geniesse das Wandern in vollen Zügen.
Ein Höhepunkt ist sicher die Pilgerherberge in Rapperswil, wo ich wunderbar empfangen werde, aber auch das Durchqueren von Zürich mit Pilgerblick, die Natur an der Limmat, der Aare und dem Rhein entlang und das Eintreffen in Basel, wo ich Barbara (meine Partnerin) und liebe Freunde wiedersehe. Es gäbe zahlreiche Begebenheiten, die ich hier aufzählen könnte, aber dafür reicht der Platz nicht aus. Zudem muss auch gesagt werden, dass auf einer derart langen Wanderung das Besuchen von Museen und anderen Stätten häufig dem Vorwärtskommen geopfert wird, insbesondere, wenn die Hitze des Tages das Wandern erschwert.
So gelange ich nach Basel und verlasse die Schweiz. Nun folge ich den Informationen, die mir die App der Seite von Via Columbani bietet. Und die Informationen sind sehr gut und hilfreich. Das Verbindungsstück Basel – Luxeuil-les-Bains entspricht nicht der Originalstrecke der Mönche, aber sie ermöglicht das Erreichen von Luxeuil in nützlicher Frist, wobei ich unterwegs erst noch der Corbusier-Kirche in Ronchamp einen Besuch abstatten kann.
Wolfgang Sieber, Präsident des Vereins Kolumbansweg (Schweiz) hatte mir in Aussicht gestellt, in Luxeuil jemanden zu treffen, der mir weitere Informationen liefern und mir auch weiter behilflich sein würde. Tatsächlich hat sich Jacques Prudhon, Präsident der Kolumbansvereinigung von Luxeuil, als eine wahre Schatztruhe erwiesen, was Kolumban und seine Mönche betrifft. Wenn auch meine Französisch-Kenntnisse nicht gerade berauschend gut sind, habe ich doch sehr viel erfahren. Bei dieser Gelegenheit ganz herzlichen Dank an Jacques, diesen tollen und grosszügigen Menschen!
Mit viel weiterem Wissen beladen nehme ich die nächsten Kilometer unter meine Füsse, Es folgen Orte wie Domrèmy-la-Pucelle mit dem Geburtshaus von Jeanne d’Arc, Châlons-sur-Marne, das Champagner-Gebiet bei Epernay und viele mehr. In Paris mache ich einen 2-Tage-Halt und wandere dann zügig Rouen entgegen. Entgegen den Erfahrungen auf dem Jakobsweg treffe ich kaum Pilger an, und wenn, dann meistens auf Wegstücken, die sich der Kolumbansweg mit dem Jakobsweg oder der Via Francigena teilen. Es sind zum Teil wunderschöne Abschnitte, im Wald, über Felder, die sich prall gefüllt mit den diversen Feldfrüchten über weite Strecken hinziehen. Aber auch eher unangenehme Wegstücke, wo das Wandern auf Asphalt nicht gerade Begeisterungsstürme hervorruft.
Es macht sich auch ein anderes Phänomen bemerkbar. Ausserhalb der grösseren Orte und Städte sind die Dörfer oft am Aussterben. Einkaufsmöglichkeiten sind rar und auch das Übernachten ist nicht immer einfach. Die Etappenlängen müssen dementsprechend gut gewählt werden.
Nach 50 Tagen liegt plötzlich das Meer vor mir. Ich habe bereits ein erstes Ziel erreicht: St-Malo, wo ich mir zwei Ruhetage gönne. Kurz vorher zeigte sich mir ein fantastisches Bild: der Mont-St-Michel. Diese kleine Insel im Meer: Unglaublich! Eindrücklich! Ich werde mir mit Sicherheit einmal die Zeit nehmen, diesen Ort zu besuchen und vielleicht sogar durch die Dünen zu Fuss da hinzugelangen. Das muss wunderschön sein!
Kurz darauf der Strand von Guesclin. Hier soll Kolumban mit seinen Gefährten an Land gegangen sein. Ein Monument erinnert daran.
Nun steht die Überfahrt nach England und Irland bevor. Ich bin sehr gespannt. Aber ich denke, dass auch die restliche Strecke bis Bangor noch zu bewältigen sein wird und ich gehe davon aus, dass ich wie geplant ca. Ende September dort ankomme. Ich wandere durchschnittlich 28 km pro Tag, einmal etwas mehr, einmal etwas weniger, je nach Tagesform, Streckenprofil und Sehenswürdigkeiten. Ich bin auch froh, auf das Navigationsgerät in meiner Smartwatch am Handgelenk zählen zu können. Damit halte ich meine Hände frei und finde trotzdem leicht meinen Weg. Die Nützlichkeit wurde mir in Frankreich einmal bewusst, als das System an einem Tag ausstieg. Da war das Fortkommen nicht mehr so einfach.
Ich freue mich nun auf den englischsprachigen Teil und die Ankunft in Bangor. Wolfgang Sieber hat mir auch hier in Aussicht gestellt, dass er mir Kontakte zu den Leuten vor Ort verschaffen werde, die mich dort «unter ihre Fittiche» nehmen werden.
Urs Huber





