Pilgerweg zum Grab vom Hl. Kolumban in Bobbio – Ein Reisebericht

Bruno Fluder, Pilgerseelsorger in St. Gallen, ist Ende September 2026 auf dem Kolumbansweg von Rottofreno nach Bobbio gepilgert. Er wird diese Route 2027 als Gruppen-Pilgerreise anbieten.
Sonntag
Am Strassenrand pflückt eine Frau kleine, leuchtend blaue wilde Pflaumen. «Die wachsen hier in rauen Mengen. Daraus mache ich einen wunderbaren Likör» erklärt sie mir. Dies ist meine erste von zahlreichen Wegrand-Begegnungen auf meinem Weg von Rottofreno, dem letzten Bahnhof in der Poebene, hinein in den Apennin nach Bobbio.
Ich habe am Sonntagmorgen früh um sechs Uhr in St. Gallen den Zug bestiegen und bin sieben Stunden später über Zürich-Mailand-Piacenza am Zielbahnhof angekommen. Im kleinen Städtchen Rottofreno ist die grosszügige Michaelskirche geschlossen. Wie fast jede der folgenden zahlreichen Kirchen am Weg. Bis Bobbio finde ich nur in zwei Kirchen Einlass, auch wenn ich es bei jeder versucht habe, ausnahmslos und mit viel Ausdauer.
Ebenso geschlossen ist das originelle «Museo della Merda», das einer Parmesan-Industrie mit 3’500 Kühen angeschlossen ist und wo aus den täglichen 150 Tonnen Mist Bioenergie hergestellt wird. Die Produzenten wollen mit dem Museum zu einem kreativen Umgang mit den Tierexkrementen anregen und laden immer wieder Künstler:innen ein.
Der erste Tag lässt mich drei Stunden ausschliesslich auf Teerstrassen gehen, wie vielleicht zwei Drittel der weiteren Wege nach Bobbio. Zum Glück sind die Strassen wenig befahren, was gut zur Verlassenheit der ganzen Gegend passt. Der Apennin der Provinz Piacenza ist wirtschaftlich und auch touristisch wenig entwickelt. Für die dritte Übernachtung habe ich bei sechs Pensionen und B&B’s angefragt, bis ich ein Bett buchen konnte. Doch die erste Nacht in Agazzano ist sehr ruhig und gemütlich und das Hotel Cervo liegt an einer wunderschönen italienischen Piazza.
Montag
Am nächsten Morgen geht es endlich bergauf. Letztes Jahr war ich bis Lecco am Südende des Comersees gekommen. Ich stelle mir die acht anschliessenden Tagesetappen durch die Poebene schwer erträglich vor. Auch der Heilige Kolumban hatte schon die ganze Zeit die Berge des Apennin vor Augen (die höchsten Erhebungen 1500m hoch) und musste doch noch tagelang weiter gehen, bis er ihren Fuss erreicht hatte.
Nun also geht es hoch zur Kirche San Tommaso in Verdeto – selbstverständlich geschlossen. Ein schöner Ausblick eröffnet sich zurück über die weite Ebene und die darüber liegende gräuliche Dunstglocke. Man sagt, bei klarem Wetter sähe man bis zur Monte Rosa. Ich wende mich nun südwärts und folge einem lieblichen Hügelkamm.
Wieder im Tal unten am völlig ausgetrockneten Bach Luretta komme ich zum Agriturismo Vallescura. Giacomo serviert mir einen feinen Cappucino, obwohl er eigentlich montags geschlossen hat. Und dazu ein langes aufschlussreiches Gespräch in Englisch über Sorgen und Freuden der Menschen dieser Region. Es beginnt mit meiner Frage, ob er auch Kinder habe wie seine Geschwister, deren Ragazzi auf dem Trampolin hüpfen. Nein, in diese Welt wolle er keine Kinder stellen, ist seine Antwort. Und dann: Der heisse Sommer hat alle Bäche völlig austrocknen lassen, was so noch nie vorgekommen sei. Noch mehr beschäftigt ihn aber die Engstirnigkeit seiner Nachbarn. Ein zunehmender Neofascismo macht ihm Angst, wie ich später auch von anderen offenen Geistern zu hören bekomme.
Ich bin gespannt, wie mein nächster Gastgeber sein wird: Massimo vom B&B Val Luretta ist Berufsoffizier und hat im alten Gebäude ein privates Militärmuseum eingerichtet. Er empfängt mich äusserst gastfreundlich und entpuppt sich als ausgezeichneter Koch. Obwohl die Herberge direkt am Cammino San Colombano liegt, bin ich der erste Pilger, den er beherbergt, seit der Weg vor gut fünf Jahren eröffnet und zuverlässig signalisiert wurde. Massimos Weltbild in militärischer Korrektheit und Organisation unterscheidet sich sehr von der links-liberalen Einstellung von Giacomo. Sie wohnen luftlinienmässig keine zwei Kilometer voneinander entfernt. Gesinnungsmässig liegen Welten dazwischen. Wenn ich die beiden nur miteinander ins Gespräch bringen könnte…
Dienstag
Auch am nächsten Morgen geht es zuerst aufwärts, zur Burg Monticello. Hier wie auch an einigen weiteren Orten stosse ich auf ein Denkmal für Partisanen, die im zweiten Weltkrieg erfolgreich Widerstand gegen die Faschisten leisteten. Wie ich erfahre, gibt es auch heute wieder sog. Partisanen-Märsche als Zeichen des Widerstands gegen den zunehmenden Neo-Fascismo.
Der wie auf dem ganzen italienischen Cammino sehr gut markierte Weg führt nun auf einem Grat zwischen Val Luretta und dem Valle Trebbia. Das Auge schweift immer wieder auf beide Seiten, ich geniesse die Weite der Landschaft. Der Weg führt hinunter nach Bobbiano mit seinem markanten mittelalterlichen Turm und der Michaelskirche – auch geschlossen.
Schon früh am Nachmittag komme ich in Termine Grosso im neu eröffneten B&B von Alessandro an. Auch er ist innovativ, baut als Schreiner zusammen mit seinem Bruder das elterliche Haus aus und hat auf einem aussichtsreichen Flecken des Grundstücks ein «teatro organico», ein «Bio-Theater» gegründet: Strohballen bilden ein kleines Amphitheater, wo im August ein kleines, feines Kulturfestival stattfindet. Hinter der Bühne, sozusagen als Bühnenbild erhebt sich der eindrückliche Kraftort des Pietra Perduca. Schon aus der Steinzeit gibt es Spuren eines Fruchtbarkeitsheiligtums, welches in Form einer St. Anna-Kapelle von den Mönchen von Bobbio christianisiert wurde.
Das Gepäck deponiere ich in der Herberge, so dass ich mit leichtem Gefühl dieses 200 Millionen Jahre alte Felsgebilde und sein höheres Pendant, den Pietra Parcellara erkunden kann. Ihr hartes Gestein hat der Erosion standgehalten und ragt heute markant aus der Landschaft heraus. Die hundert Höhenmeter brachten aber eine kleine Kletterpartie mit sich. Die Aussicht hat mich dafür mehr als entschädigt.
Auch Alessandro erweist sich als ausgezeichneter Gastgeber. Einmalmehr bin ich einziger Gast. Und er bekocht mich in seiner grosszügigen Küche, wo wir zusammen ein vegetarisches Abendessen geniessen. Er spricht fast kein Englisch – und ich bin erstaunt, wie gut ich mich auf Italienisch unterhalten kann, obwohl ich diese Sprache nie gelernt hatte. Latein- und Französisch-Kenntnisse helfen da viel. Da er am nächsten Morgen früh zur Arbeit muss, geht er noch in der Nacht ins Tal runter und vertraut mir sein Haus einfach so an. Seine zwei Katzen und 10 Schafe passen auf mich auf.
Mittwoch
Der nächste Morgen ist wie im Paradies: Die Sonne geht leuchtend rot hinter dem Pietra Perduca auf. Der Bialetti-Kaffee dampft herrlich auf der Terrasse und die Reste der gestrigen Frittata sättigen mich. Und eine tiefe Ruhe liegt über der ganzen Landschaft.
Heute verlasse ich die offizielle Wegführung des Cammino, denn ich will das Hotel Filietto aufsuchen. Es ist das einzige Hotel in der Gegend mit mehr als zehn Betten. Und so viel Platz brauche ich, wenn ich nächstes Jahr diese Tour als Gruppenreise anbieten will. Also zurück auf den Gratweg, auf ziemlich zugewachsenen Feldwegen, vorbei an der Kapelle San Rocco, ebenfalls einem Pilgerheiligen, mit herrlicher Aussicht zurück auf die beiden markanten Pietra.
Das Hotel ist wie angekündigt geschlossen, macht aber einen komfortablen Eindruck. Und ich finde einen direkten Bergweg bis hinunter ins Tal der Trebbia, so dass ich die Teerstrasse vermeiden kann. In Mezzano Scotti finde ich endlich wieder eine offene Kirche, San Paolo. Es ist Mittagszeit und ich nutze die Gelegenheit, im Da Ranella einen gesunden Salatteller zu bestellen. Da das Restaurant voll mit Männern ist, die hier anscheinend ihre Mittagspause verbringen, warte ich allerdings lange auf die Bedienung, die wenig interessiert ist an einem einzelnen hungrigen Pilger.
Noch einmal führen die letzten Kilometer nach Bobbio bergan. Es fallen ein paar Regentropfen, die für die ganze Woche die einzigen bleiben werden. Mit einem Regenschirm bewaffnet kommt mir eine alte Frau entgegen. Ich weiss nicht mehr, wer wen angesprochen hat, aber nach zwei Sätzen unterhalten wir uns in gepflegtestem Hochdeutsch. Vitaliana wuchs kurz nach Kriegsende in Mailand auf. Ihre Eltern hatten Angst, dass die Deutschen bald wieder an die Macht kommen könnten und schickten ihre Töchter in die deutsche Schule, damit sie dann zumindest der deutschen Sprache mächtig wären. Ist das nicht eine verrückte Geschichte? Vitaliana freute sich sehr, dass sie wieder mal Deutsch sprechen konnte. Und wir verabredeten uns auch gleich für den übernächsten Tag um elf Uhr im «Caffè al fronte» in Bobbio. Wo auch immer das wohl sein würde und ob sie auch kommen würde, blieb offen. Aber Fortsetzung folgt.
Und dann eröffnet sich mir der erste Blick auf Bobbio. Friedlich schmiegt sich das Städtchen mit seiner kompakten Altstadt von der Trebbia aus an den sanft ansteigenden Hügel. Was hat wohl Kolumban gefühlt, als er vor 1400 Jahren den Ort am Ende seiner Wege zum ersten Mal sah? Meine Ankunft ist sicher bequemer als die seine. Das Hotel Piacentino ist gemütlich und freundlich. Kolumban und seine Gefährten mussten zuerst ihre eigenen Unterkünfte erbauen.
Donnerstag
Ich bin angekommen und doch noch nicht am Ziel. Am heutigen Tag will ich den Ort aufsuchen, wo Kolumban der Legende nach gestorben ist: Eremo San Michele. Wie an all seinen Aufenthaltsorten hatte sich Kolumban auch in Bobbio einen einsamen Rückzugsort in einer Höhle gesucht. Man erzählt sich, dass er in seinem letzten Lebensjahr, nach der Gründung seines letzten Klosters hier in Bobbio, viel Zeit in diesem Eremo verbracht habe.
Es wird die schweisstreibendste Tour dieser Pilgerwoche. Zuerst steige ich steil hinauf zum Dorf Coli. Ein guter Capuccino in der Bar am Dorfplatz entschädigt mich – auch für die verschlossene Dorfkirche. Von hier aus führt der Weg nochmals in die Schlucht der Curiasca hinunter, um auf der anderen Seite auf einem sehr gebirgigen Weg mit Seilsicherungen endlich zum gesuchten Felsüberhang zu führen. Auch auf diesem Weg verkommt mir kein einziger Fussgänger, wie schon die ganzen letzten Tage.
Doch der Ort ist umwerfend! Eine vollkommene Ruhe umgibt mich unter diesem Felsvorsprung. Spuren einer ehemaligen Michaelskapelle erzählen von einer langen Tradition der Verehrung. Ein Tisch des Brotes und ein Ambo für die Wortverkündigung markieren heute noch den Gottesdienstraum. Über eine Stunde bin ich einfach hier und sauge die Kraft der Stille in mich auf.
Der Rückweg wird zu einem kleinen Abenteuer. Offiziell müsste ich denselben Weg zurück. Doch auf der Karte habe ich einen Waldpfad entdeckt, den ich auf dem Herweg abzweigen gesehen habe. Er scheint auch begangen zu sein, wie mir Spuren im Laub erzählen. Oder sind hier vielleicht nur Wildschweine verkehrt? Am Bach unten erhalte ich die Bestätigung, als ich zwei dieser Tiere aufscheuche. Stellenweise muss ich den Weg durchs Unterholz suchen. GPS sei Dank, ich finde aus dem Urwald wieder heraus und bin stolz, diesen neuen Rundweg entdeckt zu haben.
Freitag
Ich habe mir einen ganzen Tag reserviert, um in der Stadt die Spuren des Heiligen Kolumban zu erkunden. Zuerst besuche ich die Kathedrale. Seit tausend Jahren ist Bobbio auch Bischofssitz. Manche Äbte waren gleichzeitig Bischöfe. Besonders die rechte Seitenkapelle mit einem wunderschönen Verkündigungs-Fresko hat es mir angetan.
Um 11 Uhr im «caffè al fronte»: tatsächlich treffe ich im Café gegenüber vom Hotel Vitaliana an! Welch freudiges Wiedersehen, als ob wir alte Bekannte wären. Nach einem ausgiebigen Kafischwatz sind wir das auch tatsächlich schon fast geworden, so viele Geschichten hatten wir einander erzählt! Wirkt hier die kolumbanische Gastfreundschaft weiter? Oder ist es seine Vision eines völkerübergreifenden Friedens in einem geeinten Europa? Wenn ich das nächste Mal nach Bobbio komme, werde ich Vitaliana sicher wieder kontaktieren.
Am Nachmittag nehme ich mir viel Zeit für die Abbaziale, die ehemalige Klosterkirche. Hier ist es die Krypta mit dem Sarkophag des Heiligen, die mich in ihren Bann schlägt. Zwar entspricht das später aus Marmor errichtete Grabmal sicher nicht dem Geist des Pilgermönchs. Aber die darauf abgebildeten Szenen aus seinem (Wunder-)Wirken sind aussagekräftig (Ordensregel, Papstkontakt, Dämonenvertreibungen, Tierwunder). Eindrücklich sind auch die beiden in den Seitenwänden eingelassenen Grabplatten für seine beiden Nachfolger im Abtamt. Beide Marmorplatten sind mit sehr schönen irischen Rankenmotiven dekoriert und legen Zeugnis ab für ihre Herkunft. Kulturhistorisch sehr interessant ist das Bodenmosaik des mittelalterlichen Kirchenbaus, welches vor hundert Jahren wieder freigelegt worden war.

Die «Ponte Gobbo» ist ebenfalls ein must-have-seen: Mit 11 unregelmässigen Brückenbogen überspannt sie auf fast 300m Länge das hier mäandernde Flussbett der Trebbia. Schon zur Römerzeit scheint hier eine Brücke bestanden zu haben. Vielleicht war schon Hannibal nach der berühmten Schlacht an der Trebbia im 3. Jh. v. Chr. darüber gezogen.
Und nicht zuletzt: Als Pilger habe ich das Pfarreibüro neben der Kathedrale zu seinen eingeschränkten Öffnungszeiten aufgesucht und einen würdigen Stempel in meinem Pilgerpass und ein «Testimonium Peregrinationis ad Sancti Columbani Civitatem» ausgestellt erhalten.
Samstag
Die Heimfahrt mit öV war dann unkompliziert: Der 11-Uhr-Bus brachte mich direkt nach Piacenza. Anschliessend ein durchgehender Eurocity bis Zürich, so dass ich schon um 19 Uhr wieder in St. Gallen ankam.
Eine kurze Zusammenfassung
Ich trage überraschend viele Begegnungen mit intensiven persönlichen Gesprächen in mir. Der Weg ist sehr gut ausgeschildert und somit leicht begehbar. Übernachtungen sollten allerdings im Voraus geplant und gebucht werden. Mir bleibt vor allem die liebliche Landschaft in Erinnerung, eine Natur, die mir viel von der Altersmilde des Heiligen Kolumban erzählt.





